[Review] Mass Effect Andromeda

Mass Effect Andromeda

(EA / Bioware)

PS4 / Xbox One / PC

VÖ: 23.03.2017

 

Der persönliche, leicht bis mittelstark subjektive Review

(Nur wenige Spoiler, aber paar müssen sein)

 

Legendäre Fußstapfen

Fast 10 Jahre ist es her, das die Mass Effect Saga ihren Auftakt nahm. Das Sci-Fi Rollenspiel zeichnete, mit einer dichten Atmosphäre und einem originellen Story- sowie Leveldesign, eine authentische und eigene Vision der Zukunft, in der die Menschheit nach ihrem Platz im Universum sucht. Als noch junges Raumfahrer-Volk, kämpft man dabei vor allem um die Anerkennung bei den ausserirdischen Spezies. In der Rolle von Commander Shepard, schlugen wir uns über 5 Jahre und 2 Fortsetzungen, durch die Milchstraße, bei dem Versuch die aufkeimende Bedrohung und Auslöschung, durch das Maschienenvolk – die Reaper – aufzuhalten.

Das Rollenspiel aus dem Hause Bioware, fiel dabei speziell durch seine Charaktertiefe und die damit verbundene Interaktion, mit den vitruellen Mitstreitern auf. Entscheidungen und Spielweisen hatten einen signifikanten Einfluß auf den Ablauf der Spielreihe. Eine spezielle Eigenschaft von Bioware, die dies auch in anderen Spielereihen, wie z.B. Dragon Age , zu ihrem Markenzeichen entwickelt haben.

Nach dem Ende der klassischen Mass Effect Trilogie, rund um Commander Shepard, wurde zügig die Entwicklung eines weiteren Titels, der beliebten Franchise, angekündigt – Mass Effect Andromeda! Der neue Ableger der Reihe, spielt zwar im selben Universum, ist jedoch von den Geschehnissen der Trilogie weitgehend losgelöst. Dennoch wiegt die Verantwortung, die durch den massiven Erfolg der Trilogie besonders große Erwartungen setzt, schwer. Rund 5 Jahre und gerüchteweise 40 Millionen US Dollar wurden von EA und Bioware in das Projekt investiert um Mass Effect Andromeda zu einem würdigen Nachfolger zu machen.

 

Eine unmögliche Aufgabe

Dank den ausgehungerten Mass Effect Fans und einer umfangreichen Marketingkampagne, überschlug man sich mit Vorschuß-Lorbeeren für den Triple A Titel – die Erwartungshaltung war sehr hoch. State of the Art Grafik, tiefgreifendes Charakterdesign, eine riesige und umfangreiche Spielwelt und eine packende Story wurde dem Rollenspiel-Fan versprochen. Das kippte ziemlich rasant, als im Rahmen des kostenpflichtigen EA Access Zugangs, Spieler 7 Tage vorab die Möglichkeit hatten, das Spiel anzuspielen.

Die Spieler waren sehr kritisch und äußerten in den sozialen Netzwerken ihren Unmut. Neben Bugs und Glitches, stand vornehmlich die grafische Qualität und die Animationen am Pranger. In diesem Punkt hatte uns die klassische Trilogie nur selten enttäuscht. Die Titel entsprachen immer dem zeitgemäßen Standart und waren durch ihren eigenen Stil immer ein Hingucker. Doch vergißt der Mensch nur all zu schnell, denn wer mal seine rosarote Idealvorstellung zur Seite schiebt, der hat eventuell wieder den ungetrübten Blick für die Realität. Auch in den ursprünglichen Spielen waren zu Release, stets Bugs und Glitches an der Tagesordnung. Nicht selten waren Gliedmaßen unnatürlich verbogen, traten den Charakteren die Augen hervor oder fehlte sogar das gesamte Gesicht. Kleine Hänger, merkwürdige Dialoge („das ist Paranoia“) oder Gesichtsausdrücke zogen sich kontinuierlich durch die gesamte Trilogie und konnten meist erst später behoben werden. Dennoch haben wir es Commander Shepard einfach verziehen, wenn etwas nicht perfekt war. Wir hatten keine großen Erwartungen, also wurde unser Ärger über die vielen kleinen Fehler, von den neuen und epischen Eindrücken überstrahlt.

Erschwerend kommt hinzu, das Mass Effect Andromeda zu einer Zeit veröffentlicht wurde, in der es, besonders in optischer Hinsicht, echte Meilensteine des Gamings in die Regale geschaft haben. Titel wie beispielsweise Battlefield 1 oder Horizon: Zero Dawn.

 

Wirklich alles so schlimm?

Lesen kann man viel aber nur das eigene Auge belügt dich nicht! In den ersten Minuten in Mass Effect Andromeda, waren die Gefühle doch noch gemischt. Verunsichert von der negativen Stimmung auf Twitter & Co, erwischt man sich dabei, tatsächlich verstärkt auf Makel und Fehler in der Grafik und den Animationen zu achten. Eigentlich ein Punkt der eine komplett untergeordnete Rolle spielen sollte. Zugegeben, man ist schon eine kleine Grafikhure, aber es nützt die schönste Grafik nichts, wenn der rest beschissen ist. Doch in der Tat stechen mir, die hölzernen Animationen im Gesicht und die leeren Blicke, ins Auge. Dazu muss man noch wissen, das ich parallel den Konkurrenztitel Horizon Zero Dawn spiele, der in diesen Punkten besondere Stärken zeigt. Es war ein winzigkleiner Schock. Weniger weil ich dachte, ich könne das Spiel so nicht genießen, nein viel mehr weil ich direkt Sorge um mein geliebtes Mass Effect Franchise hatte. Aber schlucken wir unsere Voruteile mal runter und besinnen uns darauf, das wir es hier mit einem Mass Effect zu tun haben!

Gesagt und getan! Das Spiel startet zunächst ungewohnt langsam. Während wir bei Commander Shepard quasi ab Sekunde 1 mit einer heroischen Einleitung vorgestellt werden und direkt in den Einsatz starten, wirkt in Andromeda zunächst erstmal alles viel alltäglicher. So alltäglich wie es eben sein kann, nach einem 600 Jahre langen Flug in eine andere Galaxie, ohne Wiederkehr, aus dem Kryo-Schlaf geweckt zu werden. Die ersten Dialoge, eine medizinische Untersuchung und einen starken Kaffee genehmigen wir uns auf dem Kryo-Deck der arche Hyperion, die zusammen mit 3 weiteren Archen und dem Flagschiff Nexus, gemeinsam in Andromeda ankommen sollten. Die auch als Heleus Cluster bekannte Galaxie, soll den Rassen der Milchstraße, als neues Zuhause dienen. Der Plan sieht vor, das sich die Archen, nach ihrer Ankunft, mit der Nexus treffen und verbinden, um so Energie und Resourcen zu teilen und mit der Erkundung zu beginnen. Für letzteres wurden eigens Pathfinder Teams gebildet, die diese Aufgabe übernehmen sollen. Während wir versuchen uns mit Koffein aufzupäpeln, unsere Schwester noch im Tiefkühlfach schlummert und Daddy Pathfinder seinem Handwerk nachgeht, gibt es plötzlich einen Zwischenfall, der alle Pläne über Bord wirft. An diesem Punkt, weckt das Spiel zum ersten mal meine Neugier. Je größer die Probleme werden, desto mehr fahrt nimmt das Spiel auf. Einen Außeneinsatz und eine dramatische Wendung später sind die Animationen zur gänzliche Nebensache geworden. Das erste echte Mass Effect Feeling kommt auf und verdrängt die Vergleiche zu den Vorgängern.

 

Der Auftakt für eine lange Reise.

Natürlich möchte ich euch nicht den Spaß am erkunden und erleben nehmen, deswegen halte ich mich mit Inhaltlichem und Story eher sehr allgemein. Unserem Protagonist „Ryder“, der wahlweise der weibliche oder männliche Gegenpart zu seinem Geschwister ist, fällt unerwartet eine große Verantwortung in den Schoß. Es obliegt ihm, die Hintergründe, des Zwischenfalls zu untersuchen, die anderen Mitglieder der Andromeda Initiative zu suchen und zu unterstützen, sowie den Heleus Cluster bewohnbar zu machen. Eine sehr umfangreiche Aufgabe, die ihm durch die Präsenz einer feindlichen Spezies, den sog. Kett, erschwert wird. Dazu erhält Ryder, ein Schiff, eine Crew und jede Menge kritische Blicke – und nein das liegt nicht an den Animationen! Dem Argwohn seiner Vorgesetzten gewiss, stellt man sich nun einem bunten Blumenstrauß aus verschiedenen Haupt- Neben- und Zusatzaufgaben, die den Pathfinder immer wieder auf verschiedene Welten und die Nexus führen. Stellenweise kommt einem die Vielzahl an Aufgaben, wie ein „ab arbeiten“ vor, doch meistens versteht es Mass Effect Andromeda, den Spieler mit interessanten Geschichten, tollen Orten und den verschiedensten Charakteren, zu animieren. Außerdem veranlasst das Missionssystem uns öfter zu anderen Welten zurückzukehren, um dort Aufgaben fortzusetzen oder Systeme im Orbit zu scannen. Das sorgt dafür, das uns auf den Welten nie wirklich langweilig wird.

Die Welten auf die uns unsere Aufgabe führt, sind individuell und liebevoll gestaltet. Einzig die Vielfalt der Tierwelt lässt etwas zu wünschen übrig. So begegnen uns auf den verschiedenen Welten, immer die selben Tierarten in verschiedenen Variationen. Den häufigen Vorwurf, das die Welten zu leblos sind, teile ich aber nicht. Jede Ecke ist individuell gestaltet, hält Flora und Fauna bereit. Das wir nicht alle gemeinsam durch Blumenwiesen und Regenwälder hüpfen, ist auch dem Kontext des Spiel und seiner Geschichte geschuldet – sind wir doch grade deswegen in Andromeda um diese unwirtlichen Welten wieder bewohnbar zu machen.

Konfrontiert werden wir bei unseren Fortschritten immer wieder mit den Spezies der Milchstraße und Heleus. Die kulturellen Unterschiede zwischen den Vertrauten Völkern der Menschen, Asari, Turianer, Salarianer und Kroganer, sowie den neuen Freunden und Feinden aus Heleus, machen uns die Entscheidungen die wir treffen müssen nicht wirklich einfacher. Jede Entscheidung trägt seine Konsequenzen davon und nur selten gibt es einfache Gut / Böse Situationen. Das Vorgehen verlangt dem Spieler einen gesunden Mix aus Holzhammer und Diplomatie ab, sofern man nicht mehr probleme haben will, als man das ohnehin schon hat. Leichte Abstriche gibt es da aber in der eigenen Entwicklung. Konnte man als Commander Shepard noch ein richtiges Arschloch sein, das alles und jeden in seine Einzelteile zerlegt, haben die unterschiedlichen Verhaltensweisen bei Ryder nur tendenzielle Auswirkungen. Die Art wie wir uns anderen gegenüber geben, entscheidet mehr über Sympathien zu den wiederkehrenden Personen und nur selten über Leben und Tod. Wer sich darauf gefreut hat, als Weltraumpsychopath die Apokalypse einzuläuten, der wird enttäuscht. Allerdings würde dieses Verhalten auch nicht zur Grundausrichtung eines Abenteurers wie Ryder passen.

Ebenfalls sehr liebevoll gemacht, ist das Einbinden der ehemaligen Personen und Ereignisse aus der weit entfernten Milchstraße. Da sich der Start der Andromeda Initiative und die anfängliche Geschichte der klassischen Trilogie, zur selben Zeit zutragen, gibt es an vielen Stellen Anspielungen und schön verpackte Erinnerungen an unser altes Dasein als Commander Shepard. <3

 

Viel unter der Haube, gutes Handling!

Damit ist nicht unser Bodenfahrzeug „Nomad“ gemeint, auf den diese Beschreibung durchaus zutreffen würde, nein, ich rede vom Gameplay an sich. Mass Effect Andromeda verfügt über ein waschechtes Rollenspiel Fahrgestell. Wir können die Charaktere und uns selbst natürlich, nach herzenslust und frei von Klassenbeschränkungen, in den Kategorien Kampf, Biotik und Tech ausbilden. Die investierten Punkte schalten Fähigkeiten frei oder verstärken diese mit passiven Effekten. Dank KI Kumpel „SAM“ können wir zusätzlich auch ein Profil wählen, das uns in einer bestimmten Kategorie verstärkt und jederzeit gewechselt werden kann. Nicht nur bei den Skills ist vielfalt gefragt, auch Waffen, Panzerungen und Verbesserungen, können erforscht und gebaut werden. Dazu sammelt man unterwegs Materialen und verdient Forschungspunkte, für das erkunden der Welten. Egal ob Freund oder Feind, Milchstraße oder Heleus, was wir einmal auf Reisen entdeckt haben, können wir reproduzieren und weiterentwickeln.

Das Gameplay ist quirlig und frisch. Es geht leicht von der Hand und spätestens wenn man ein bischen mit dem Jetpack rumgeflogen ist, hat man das Spielgefühl lieb gewonnen. Mit einer Auswahl an Pistolen, Sturmgewehren, Schrotflinten und Präzisionsgewehren, schnetzeln wir uns durch eine unbekannte Galaxie. Auch der „Nomad“, auch wenn er keine Bewaffnung wie unser geliebter „Mako“ hat, ist nicht nur hilfreich auf unseren Missionen, sondern macht auch mega laune! Dieser Rover kommt buchstäblich Überall hin und bietet uns adäquaten Schutz vor Umwelteinflüßen, welche besonders zu Beginn immer sehr ausgeprägt sind. Das Reisen wird uns außerdem durch Abwurfkapseln erleichtert, die man an bestimmten Punkten auf der Karte anfordern kann und uns danach, nicht nur als Waffenschrank und Munitionskiste dient, sondern auch als Schnellreisepunkt verwendet werden kann.

 

Würdig oder nicht?

Eigentlich kann man es schon sehr gut rauslesen. Die Kritikpunkte und Schwächen, die sich Mass Effect Andromeda zu Release leistet, sind größtenteils „Meckern auf hohem Niveau“. Glitches und Bugs, sind bei weitem nicht so häufig wie befürchtet – bei mir speziell waren sie an einer Hand abzuzählen – und die allgemeine Optik ist gut bis sehr gut. Besonders in Gewölben und speziellen Orten bekommt man vor Staunen oft den Mund nicht mehr zu. Die hin und wieder merkwürdigen Animationen wurden bereits mit einem Patch spührbar verbessert und Bioware hat ebenfalls angekündigt weiter an dem Problem zu arbeiten.

Der Heleus Cluster ist einfach riesig, die Welten und ihre Bewohner erzählen interessante Geschichten, auch fernab der Hauptstory, und das tiefgreifende Socializing mit Crew und Konsorten, fesseln den Spieler fast permanent. Untermalt wird das ganze noch durch einen sehr guten Soundtrack und eine solide Lokalisierung.

Nach rund 80 Stunden habe ich meine Reise durch die Andromeda Galaxie komplett abgeschlossen und Blicke nun wehmütig zurück, traurig darüber das die Reise für’s Erste vorbei ist. Man darf gespannt sein, was uns als DLC oder gar als Nachfolger hier erwarten könnte, denn auch wenn die Story in sich sehr geschlossen ist, bleibt noch vieles zu erzählen! In diesem Zusammenhang muss auch der Abschluß der Geschichte gelobt werden. Wir werden nicht einfach nach dem Abspann abgesägt oder wie beispielsweise in „Dragon Age“ zurück in die Welt geworfen, in der das Ende noch nicht geschehen ist – in Andromeda erwartet uns danach noch ein spielbarer Epilog und weitere Aufgaben in Heleus!

Unter dem Strich bleibt festzuhalten, das Mass Effect Andromeda in fast allen Kategorien eine Topwertung verdient – allenfalls mit leichten Abzügen in der B-Note. Andromeda macht ein wenig falsch aber ganz viel richtig und lässt mich mit dem selben epischen Gefühl zurück, wie es schon die Vorgänger taten. Für Fans ein muss und für Rollenspieler eine klare Empfehlung.

 

Ich vergebe 8.5 von 10.0 Punkten =)